Die DGNB-Auszeichnungsstufen wirken auf den ersten Blick wie eine reine Punkte-Hierarchie: mehr Punkte, höhere Stufe, besseres Gebäude. In der Praxis ist die Wahl der Zielstufe aber eine wirtschaftliche und kommunikative Entscheidung – und sie sollte vor Beginn der Auditierung getroffen werden. Wer in der Bauphase plötzlich von Silber auf Gold wechseln will, zahlt deutlich mehr als wer von Anfang an auf Gold zielt.
Die Schwellenwerte: Bronze, Silber, Gold, Platin
Im aktuellen DGNB-System Gebäude Neubau (Version 2023) gibt es offiziell drei Hauptstufen: Silber, Gold, Platin. Bronze existiert nur als Sonderstufe in der Systemvariante Sanierung – und auch nur für Teilsanierungen nach Anlage 1 des Kriterienkatalogs. Die Schwellen:
| Stufe | Gesamterfüllungsgrad | Mindest-Erfüllungsgrad pro Themenfeld |
|---|---|---|
| Bronze (nur Sanierung, Teilsanierung) | – (Sonderlogik) | Erfüllung der Anlage-1-Kriterien |
| Silber | ab 50 % | min. 35 % in jedem Hauptthemenfeld |
| Gold | ab 65 % | min. 50 % in jedem Hauptthemenfeld |
| Platin | ab 80 % | min. 65 % in jedem Hauptthemenfeld |
Wichtig ist die zweite Spalte: Nicht nur der Gesamterfüllungsgrad zählt, sondern auch die Mindesterfüllung in jedem der Hauptthemenfelder Ökologie, Ökonomie und Soziokultur. Ein Projekt, das ökologisch brilliert, aber die soziokulturelle Mindestschwelle reißt, fällt auf die nächstniedrigere Stufe zurück. Das ist einer der häufigsten Gründe, warum eine angestrebte Stufe in der Vollauditierung nicht erreicht wird.
DGNB Diamant: Auszeichnung für Baukultur
Der DGNB Diamant ist keine eigene Stufe, sondern eine zusätzliche Auszeichnung, die nur in Verbindung mit Gold oder Platin verliehen wird. Bewertet werden Architekturqualität, Baukultur und Gestaltung – geprüft durch die DGNB Kommission für Gestaltungsqualität. Der Diamant ist die Antwort auf den Vorwurf, DGNB sei rein technisch und ignoriere die ästhetische Qualität. Für Leuchtturmprojekte und prestigeträchtige Bauten ist er ein starkes Differenzierungsmerkmal – für klassische Wohnungsbauprojekte spielt er in der Praxis kaum eine Rolle.
DGNB Klimapositiv: Auszeichnung für den Betrieb
DGNB Klimapositiv ist eine eigenständige Auszeichnung in der Systemvariante Gebäude im Betrieb. Sie bestätigt, dass ein Gebäude in der laufenden Nutzungsphase mehr Treibhausgase einspart, als es verursacht – bilanziell betrachtet, inklusive nachgewiesener Kompensation oder eigener Erzeugung. Für Bestandshalter mit dezidierter Net-Zero-Strategie ist das die heute schärfste DGNB-Auszeichnung im Betrieb.
Faustregel
Silber ist mit überschaubarem Mehraufwand bei sauberer Planung erreichbar – oft als realistisches Minimum für ESG-Konformität. Gold ist der heutige Premium-Standard im hochwertigen Wohnungs- und Bürobau. Platin verlangt konsequente Optimierung in allen sechs Themenfeldern und passt zu Leuchtturmprojekten oder dezidierten Vorzeige-Standorten.
Was Investoren, Mieter und Banken wirklich nachfragen
In der Marktwahrnehmung ist die Differenz zwischen den Stufen nicht linear. Aus der Mandatspraxis und aus Gesprächen mit Bewerterhäusern und Finanzierungspartnern lassen sich folgende Muster beobachten:
- Banken (grüne Finanzierungen, EU-Taxonomie): Ab Silber wird ein DGNB-Zertifikat in der Praxis als anerkannter Nachweis für die EU-Taxonomie-Konformität gewertet. Die Sprünge auf Gold oder Platin verbessern die Konditionen meist nicht weiter – sondern erst der Schritt vom Nicht-zertifiziert zu Silber.
- Institutionelle Investoren (ESG-Fonds, Versicherer): Mindestanforderung Silber, gewünscht Gold. Platin wird nur in dezidierten Impact-Mandaten oder für Vorzeige-Assets verlangt.
- Vermarktung an Endkunden (Mieter, ETW-Käufer): Die Wahrnehmung springt zwischen Silber und Gold – Gold ist klar marketingfähig, Silber erfordert mehr Erklärung. Der Sprung von Gold auf Platin ist im Marketing meist nicht spürbar.
- Kommunen und öffentliche Vergaben: Bei vielen Konzeptvergaben gilt Silber als Mindeststandard, Gold bringt klar zusätzliche Bewertungspunkte. Platin nur in Einzelfällen vorgeschrieben.
Typische Stufen je Asset-Klasse
In der Mandatspraxis kristallisieren sich folgende Erwartungswerte pro Asset-Klasse heraus:
| Asset-Klasse | Typische Zielstufe | Begründung |
|---|---|---|
| Wohnen Neubau (gehobenes Segment) | Silber bis Gold | Silber als Vermarktungsbasis, Gold als Differenzierer im Premiumsegment. |
| Büro Neubau (institutionelles Investment) | Gold | De-facto-Standard für institutionelle Investoren und Core-Vermietung. |
| Quartiere / Mischnutzung | Gold | Quartiers-Systemvariante mit eigener Logik, Silber wirkt unterdurchschnittlich. |
| Sanierung Bestandsbüro | Bronze bis Silber | Bestandszwänge begrenzen das Maximum, Bronze bei klar abgegrenzter Teilsanierung sinnvoll. |
| Logistik / Industrie | Silber | Asset-Klasse mit niedrigerer ESG-Erwartung des Marktes, Silber meist ausreichend. |
Warum nicht überzertifizieren
Die Versuchung, immer die höchste mögliche Stufe anzustreben, ist nachvollziehbar – in der Wirtschaftlichkeit lohnt sie sich aber selten. Der Sprung von Silber auf Gold kostet typischerweise nicht nur mehr Auditor-Honorar, sondern auch zusätzliche Investitionen in Material, Technik und Planungstiefe. Der Sprung von Gold auf Platin verlangt darüber hinaus oft Sondertechnologien, deren Mehrkosten von Mieter, Käufer oder Investor nicht mehr honoriert werden.
Die wirtschaftlich klügste Strategie ist meist: die Stufe wählen, die ein Marktteilnehmer in der Zielgruppe konkret honoriert – und dann sauber treffen. Wer mit Platin-Ambition startet und am Ende auf Gold landet, hat oft mehr Geld ausgegeben als jemand, der mit Gold-Ambition startet und Gold liefert.
Empfehlung
Klären Sie die Zielstufe vor Beginn der Vollauditierung – idealerweise im Pre-Check. Eine Stufe, die im Pre-Check als knapp erreichbar prognostiziert wird, ist in der Vollauditierung selten sicher. Wer Gold sicher haben will, sollte mit Pre-Check-Prognose Gold-Plus oder schwaches Platin starten.
