Wer schon Neubau-Projekte zertifiziert hat, unterschätzt die DGNB-Systemvariante Sanierung regelmäßig. Sie sieht aus wie eine etwas modifizierte Variante des Neubau-Systems – und ist in Wahrheit ein Hybrid, der gleichzeitig die Bewertungslogik des Neubaus und die Logik des Gebäudebetriebs erfüllen muss. Dazu kommen Bestandszwänge, die in jedem Sanierungsprojekt einzigartig sind: vorhandene Substanz, denkmalrechtliche Auflagen, laufende Mietverträge, fragmentierte Datenlage zu vorhandenen Bauteilen.
Warum Sanierung schwerer ist als Neubau
Bei einem Neubau steht das Projektteam vor einem weißen Blatt. Jede DGNB-Anforderung kann in der Planung berücksichtigt werden, jede Materialwahl ist eine Entscheidung mit vollem Freiheitsgrad, jede technische Lösung kann optimiert werden. Bei einer Sanierung ist nichts davon mehr möglich. Der wesentliche Teil des Gebäudes existiert bereits – mit Eigenschaften, die nicht verhandelbar sind.
Drei Faktoren machen Sanierung systematisch schwerer:
- Bestandszwänge: Tragwerk, Geschosshöhen, Erschließung und oft auch Fassaden- und Dachkonstruktion sind gegeben. Optimierung ist nur innerhalb dieser Grenzen möglich.
- Eingriffstiefe: Die Frage, was tatsächlich saniert wird (Hülle, TGA, Innenausbau, Statik), bestimmt den Bewertungsumfang. Eine Teilsanierung hat andere DGNB-Konsequenzen als eine Kernsanierung mit Entkernung.
- Nutzerbindung: In bewohnten oder vermieteten Objekten ist die Sanierungslogik nicht primär technisch, sondern operativ. Mieterkommunikation und Bauphasen-Planung haben direkten Einfluss auf das, was DGNB-relevant umsetzbar ist.
Der Hybrid-Charakter der Bewertung
Die DGNB-Systemvariante Sanierung kombiniert zwei Bewertungslogiken in einer Auditierung:
- Das Neubau-System bewertet die Sanierungsmaßnahme – also die Eingriffe, Materialien und Planungsentscheidungen, die im Rahmen der Sanierung getroffen werden. Hier gelten in vielen Kriterien die Anforderungen der Neubau-Systemvariante.
- Das Betriebs-System bewertet den späteren Gebäudebetrieb – also die Performance des sanierten Gebäudes in der Nutzungsphase nach Fertigstellung. Hier kommt Bewertungslogik aus der Systemvariante Gebäude im Betrieb ins Spiel.
Praktische Folge: Der Auditor muss gleichzeitig die planerische Eingriffstiefe dokumentieren und die operative Nutzungsperformance prognostizieren. Beides hat eigene Datenanforderungen, eigene Schnittstellen und eigene Nachweispflichten. Ein Projektteam, das nur auf das Neubau-Modul vorbereitet ist, verliert systematisch Punkte im Betriebs-Modul – und umgekehrt.
Konsequenz für die Beauftragung
Ein DGNB-Auditor, der ausschließlich Neubau-Routine mitbringt, ist für DGNB Sanierung nicht optimal aufgestellt. Erfahrung in der Systemvariante Gebäude im Betrieb – insbesondere mit Datenerhebung im laufenden Betrieb und mit Inbetriebnahmeprotokollen – ist hier ein deutlicher Mehrwert.
Die Bronze-Sonderregel: Teilsanierung nach Anlage 1
Eine Besonderheit der Systemvariante Sanierung: Bronze gibt es nur hier, und auch nur für Teilsanierungen nach Anlage 1 des Kriterienkatalogs. Anlage 1 definiert einen reduzierten Kriterienkatalog, der gezielt für eingegrenzte Sanierungsmaßnahmen entwickelt wurde – zum Beispiel die energetische Sanierung der Gebäudehülle ohne Eingriff in die TGA, oder den Austausch der TGA ohne Hüllen-Sanierung.
Wer eine klar abgegrenzte Teilsanierung plant, ist mit Bronze oft besser bedient als mit einem ambitionierten Silber-Ziel, das im Vollkriterienkatalog scheitert. Bronze ist keine reduzierte Stufe für mittelmäßige Vorhaben – es ist die richtige Stufe für sauber abgegrenzte Teilmaßnahmen, die DGNB-Konformität in einem konkreten Eingriffsbereich nachweisen wollen.
Typische Stolpersteine
Aus der Mandatspraxis lassen sich vier Stolpersteine identifizieren, die in DGNB-Sanierungsprojekten überproportional oft Punkte kosten:
1. Datenlage Bestand
Viele Bestandsobjekte haben keine vollständige Dokumentation der vorhandenen Bauteile – insbesondere bei Materialinhalten, Schadstoffen und EPD-Nachweisen. Diese Lücke muss vor Auditierungsbeginn geschlossen werden, sonst sind Punkte in der Ökobilanz, in der Schadstoffbewertung und in der Rückbaubarkeit nicht erreichbar.
2. Denkmalrechtliche Auflagen
Bei denkmalgeschützten Objekten sind Eingriffe in Fassade, Fenster und Dach oft begrenzt. Das bedeutet Abstriche in der energetischen Bewertung – aber gleichzeitig die Chance auf Bonus-Punkte in der baukulturellen Qualität, wenn die Sanierung das Denkmal sachgerecht behandelt. Das Zusammenspiel mit der Denkmalbehörde gehört in die Auditierungsstrategie.
3. Mieterkommunikation
DGNB bewertet auch die Prozessqualität der Sanierung – einschließlich Information und Beteiligung der Nutzer. Wer in einem vermieteten Objekt saniert und die Mieter nur formal informiert, verliert Punkte. Eine strukturierte Kommunikationsstrategie sollte Teil des DGNB-Konzepts sein, nicht eine nachträgliche Maßnahme.
4. Bauphasen-Logik bei laufendem Betrieb
Sanierung im laufenden Betrieb (typisch bei Büro-, Hotel- und Wohnobjekten) erfordert eine Bauphasen-Planung, die das Gebäude funktional erhält. Diese Logik beeinflusst Lärm, Staub, Erschließungsverkehr und damit DGNB-Kriterien in den Themenfeldern Soziokultur und Prozessqualität.
Wann ein erfahrener DGNB-Auditor doppelt wertvoll ist
Die Kombination aus Hybrid-Bewertungssystem, Bestandszwängen und operativem Sanierungsdruck macht DGNB Sanierung zu der Systemvariante, in der ein erfahrener Auditor den größten messbaren Mehrwert liefert. Wer hier den Auditor erst nach Beginn der Sanierungsplanung einbindet, verliert systematisch Punkte. Der Pre-Check vor Sanierungsbeginn ist im Sanierungsbereich nicht optional – er ist die einzige solide Grundlage für eine realistische Stufenprognose.
Mehr zur Ventatio-Begleitung in der Systemvariante Sanierung – inklusive Capex-Roadmap, Tranchen-Logik und Schnittstellen zur BAFA-/KfW-Förderung – finden Sie unter ventatio.de/sanierung.
Empfehlung
Klären Sie vor jeder Sanierungsentscheidung im Pre-Check, ob Bronze (Teilsanierung Anlage 1) oder Silber/Gold (Vollkriterien) das wirtschaftlich passende Ziel ist. Beide Wege haben ihren Sinn – sie sind aber keine Alternativen, sondern Antworten auf unterschiedliche Fragen.
